THAIBOXEN: Debütantenball für Langnasen



Jan 2007 | Rubrik: Typisch Thai

Ein Thaiboxing-Abend auf Koh Phangan ist eine Riesensause, aber nichts für Einheimische

Koh Phangan ist so sehr Thailand wie Sansibar deutsch. Es ist vielmehr ein Patchwork vorwiegend westlicher Kulturen, entstanden aus dem an Selbstverleugnung grenzenden Geschäftssinn der Einheimischen. Am altersschwachen Kickertisch in der Reggae-Bar treffen Deutsche auf Dänen auf Norweger auf Laoten. Dazu spielt, anstelle der sonst üblichen thailändischen Imitate, original angelsächsischer Mainstream-Pop. Selbst die Verkehrssprache ist Englisch, bisweilen allerdings in der landestypisch stark vereinfachten, esperanto-artigen Variante.

Kickboxen

Thaiboxing-Nachwuchs aus Europa: Für den Gewinner ein Lächeln und ein blaues Auge.

Um den phangan’schen Patchwork zu erkunden, haben wir uns Motorräder ausgeliehen. Vielleicht entdecken wir entlang des Weges ja doch ein kleines Webstück originär thailändischer Herkunft. Und tatsächlich: Schon nach ein paar Kilometern werden wir fündig (zumindest glauben wir das). Die Botschaft schallt aus einer mannshohen Lautsprecherbox, die das Geknatter unseres Auspuffs um ein Vielfaches übertönt: Heute Abend steigt hier, im Charenrit Stadium vor den Toren der Inselhauptstadt Thongsala, ein „super and real fight, the greatest of the year“. Vor dem Eingang, auf einem wackligen Tischchen im Staub am Straßenrand, türmen sich sichtlich in die Jahre gekommene Trophäen, teils hüfthoch, teils rissig, teils rostig. Worum – um alles in der Welt – geht es hier bloß? Wir steigen ab.

Es begrüßt uns, sichtlich enthusiasmiert, Kut Charenrit. Zwei Langnasen, wunderbar, zwei weitere Kandidaten für seine Show heute Abend. Kut ist nicht nur Stadionbetreiber, sondern auch Inhaber all der katzengüldenen Pokale dort. „Hat alle er selbst gewonnen“, erklärt uns seine junge Ehefrau, Nuansri Prigkho, voll ironiegetränktem Stolz. „Bis vor zwei Jahren war er selbst aktiv. Aber jetzt nicht mehr. Sieh nur, sein Bäuchlein, wie es gewachsen ist …“ Kut überhört so was. Er nennt sich jetzt Promoter. Nicht von der Frisur, aber von der Statur her erinnert er tatsächlich ein wenig an Don King, den größten und gerissensten seiner Zunft, der einen wie Mike Tyson ganz groß machen konnte – und ihn dann zertreten, wie eine Laus. Uns dämmert was: Boxen, die archaischste Form des Zweikampfs – Mann gegen Mann, Faust auf Faust, triefender Schweiß, harte Bandagen, Kampf bis zum K.O. Sind wir hier etwa beim… ?

SCHLAF, CHAMPION, SCHLAF
Kut führt uns in seine Halle. Alles aus Wellpappe, Dächer wie Wände, aber immerhin metallen schimmernd. Und tatsächlich, da erhebt er sich, an drei Seiten umrahmt von knöchernen Zuschauertribünen – ein Boxring. „Muay Thai“, sagt Kut. „Heute Abend, Muay Thai.“ Er senkt seine Stimme, als er auf die zwei schlafenden Gestalten weist, die eine mitten im Ring, die andere auf einer abgewetzten Couch davor: „Echte Champions“, flüstert er, „aus Bangkok.“ Wir wechseln viel sagende Blicke. Thaiboxen also, darum geht es. Kut lässt nicht locker: „Wetten müsst ihr. Pass auf!“ Er kramt einen Kugelschreiber aus der Hosentasche und markiert auf einer Liste die Favoriten der sieben Kämpfe. Viel interessanter für uns als Kuts gut gemeinte Tipps aber ist das Duell Nummer sechs: Der nordkoreanische Kämpfer Pansak soll es mit einem europäischen Hünen aufnehmen – Martin, aus Germany. Uns bleibt keine Wahl. Höflich lächelnd zahlen wir stolze 700 Baht für einen Platz direkt am Ring. „Um halb zehn sind wir wieder da.“ Kut und Nuansri lächeln zurück, sichtlich zufrieden. Sie haben schon gewonnen.

Muay Thai

Wirkungstreffer im Publikum, noch ehe die ersten Kämpfer in den Ring geklettert sind

Nicht nur wir sind pünktlich. Gegen 22 Uhr sind die Tribünen voll besetzt, die Tischchen am Ringrand sogar doppelt und dreifach. Dennoch sind wir ein wenig enttäuscht: Die Thais im Publikum muss man mit der Lupe suchen. Aus den völlig übersteuerten Boxen am Hallendach rummst, soweit man den Krach identifizieren kann, Rockmusik. Die Stimmung ist gleichsam ge- und entspannt, für die meisten Besucher ist das hier ein Debütantenball. Chang und Heineken, offensichtlich die Biersorten der Wahl für Thaibox-Connaisseure, landen Wirkungstreffer im Publikum, noch ehe die ersten Kämpfer in den Ring geklettert sind.

SCHÖNHEIT KOMMT VOR DEM FALL
Plötzlich bricht das Dauergewitter aus den Lautsprechern ab. Die Menge erhebt sich. Wer von hier stammt, legt die Hand aufs Herz. Es ist Zeit für die Nationalhymne, zur Huldigung des Königshauses. Danach folgen die kreischenden Klänge eines so genannten Phipat-Orchesters (allerdings vom Band), das europäische Ohren an scharfzüngiges Dudelsackpfeifen erinnern mag, begleitet von barbarisch anmutendem Urwaldgetrommel. Es ist das erste Mal, dass wir thailändische Folklore hören. Dazu betreten die ersten beiden Kämpfer den Ring, gewandet in Boxershorts und Trachtenaccessoires wie etwa einer Art unbespanntem Tennisschläger, der auf dem Kopf sitzt. Beide zelebrieren eine eigene Choreographie, einen Tanz in Zeitlupe, mit dem sie den Zuschauern, den Trainern und den Geistern des Ringes Ehre erweisen. Die ersten Kämpfe sind eine Enttäuschung. Keiner währt über die volle Distanz von fünf mal drei Minuten. Nur einmal kommt richtig Stimmung auf: als einer der Kämpfer bewusstlos zu Boden kracht. Ein echter KO – den gibt es nicht alle Tage im Thaiboxen, wo die Ringrichter auch solche Treffer werten, die keinen nachhaltigen Schaden beim Gegner anrichten. Wie so oft im asiatischen Sport geht es, ganz anders als im Westen, auch beim Muay Thai nicht allein ums Gewinnen, mindestens ebenso wichtig ist der optische Genuss: die Ästhetik der Bewegungen, die Schönheit der Körperkunst. Da passt ein Boxer, der die Augen verdreht und bange Sekunden lang die Luft anhält, schlecht ins Bild.

Hoppe

Martin Hoppe wird vor seinem großen Auftritt eingeölt und massiert.

In einem schmucklosen Eck der Halle, gleich neben ein paar Bretterverschlägen, bereitet sich Martin Hoppe auf seinen Kampf vor. Wie ein Star sieht er – noch – nicht aus. Die Helfer kneten seine Muskeln weich und salben ihn von Kopf bis Fuß mit ätherischen Ölen ein, bis er riecht wie ein 1,80 Meter großer und 75 Kilo schwerer Kaugummi. Martin ist zum zweiten Mal in Thailand. Bald will er, wenn es klappt, ganz hier bleiben und von seinem Sport leben können. Noch ist die Börse dafür zu klein. 2000 Baht kassiert er an diesem Abend, aber immerhin ist es bereits sein dritter Kampf binnen einer Woche. „In Deutschland mach‘ ich das seit vier Jahren und hatte erst vier Kämpfe“, sagt der 25-Jährige, der in Bremen lebt und jobbt, um sich seinen Traum vom Profitum leisten zu können. „Noch bleiben mir vier, vielleicht fünf Jahre. Die will ich nutzen.“ An diesem Abend fehlt ihm die Fortune. Er müht sich redlich, doch mangelt es ihm an Schnelligkeit und den Posen, um bei den Richtern und dem Publikum wirksam punkten zu können. Aber Martin lässt sich nicht entmutigen. Während die beiden Champions aus der Hauptstadt den Ring besteigen, plant er die nahe Zukunft. „Bis April, vielleicht Mai“ will er noch in Thailand bleiben, auch andere (Ring-)Ecken und Boxweisheiten des Landes kennen lernen. Denn er ist sich sicher: „Thaiboxen ist mein Leben. Du machst nicht nur Deinen Körper stark, sondern auch Deinen Geist.“

Thaiboxen

Reit im Winkler Heimattheater auf Thairisch.

ALLES NUR THEATER
Hinter der Theke beim Kassenhäuschen wirbelt Nuansri, die Gattin des Promoters. Sie strahlt. In ihrem Rücken ergießt sich eine Flut leerer Bierflaschen – der Abend, ein Erfolg in allen Gewichtsklassen. Ob es uns gefallen habe, will sie wissen und schenkt uns ein Lächeln. Wir lächeln auch, obwohl wir nicht unbedingt gefunden haben, wonach wir suchten. Thaiboxen auf Koh Phangan ist kaum mehr als eine Touristenbelustigung, wenn auch – immerhin – eine, die es nur in Thailand gibt. Auf seine ganz spezielle Weise hat das was von Reit im Winkler Heimattheater. Nur auf Thairisch statt Bayerisch.

Text: Sebastian Züger, Fotos: Alexander Heitkamp

info
MUAY THAI IN BANGKOK
 

Nach authentischen Kickbox-Turnieren muss man in Bangkok nicht suchen. Die beiden bekanntesten Stadien stehen am Lumphini-Park hinterm Nachtbasar, und eine kurze Tuktuk-Strecke entfernt vom Democracy Monument in Banglamphu.

Dort gibt es viermal die Woche ein Turnier mit 10 Kämpfen für 220-1000 Baht. Wer die Tickets nicht direkt am Schalter, sondern vor dem Stadion kauft, kann auch deutlich mehr ausgeben.

Ein Erlebnis sind nicht nur die Kämpfe selbst, sondern die ganze Atmosphäre: Angefangen mit der kleinen Kapelle, die zur Einstiegszeremonie aufspielt über die praktisch-spartanische Einrichtung bis zu den Pulks aufgeregter Thais, die ihre Wetteinsätze über die Ränge schreien.

Wer Interesse an einem Trainingskurs hat, kann sich an verschiedene Schulen wenden oder an das Muay Thai Institute in Pathum Thani, Telefon: +66 (0) 9920 0969.

Besonders bei Bangkok-Reisenden beliebt ist die private Thaibox-Schule in Banglamphu, auf der Chackraphong Road, genau gegenüber der Khao San Road. Versteckt zwischen den urigen Gassen, die Khao San und Soi Rambutri an ihrem südlichen Fortsatz verbinden, wird hier nachmittags in einfachstem Ambiente trainiert.

Tags: , , , , , ,


One comment
Leave a comment »

  1. interessante website!!

Leave Comment

You must be logged in to post a comment.

;