TATTOO-TEMPEL: Im Bann des Tigers



Mai 2009 | Rubrik: Typisch Thai

Spätestens seit Angelina Jolies Besuch in Bangkok für ein vermeintlich spirituelles Tattoo, sind sie beliebte Mitbringsel aus dem Thailandurlaub geworden: Sak Yan, oder Yantra-Tattoos, dienen aber ursprünglich als animistische Schutzamulette, die unter der Haut getragen werden. „Echte“ Sak Yan werden von Mönchen gestochen und bedürfen einer Beschwörungsformel zur Aktivierung ihrer Kräfte. Vor allem letztere hat es allerdings in sich, wie wir aus nächster Nähe erleben durften bei einem Besuch im Wat Bang Phra, auch Tattoo-Tempel genannt.

Im Devotionalienshop wird das gewünschte Motiv ausgewählt.

Im Devotionalienshop wird das gewünschte Motiv ausgewählt.

Als wir das staubige Tempelgelände erreichen, deutet nichts auf die hohe Kunst der Mönche hin, die hier jeden Tag zahlreiche Gläubige mit ihren Nadeln bearbeiten. Kein Schild, kein Plakat, nur eine Tafel in Thai vor dem Eingang zum Tattoo-Shop, versteckt hinter dem goldenen Chedi, verraten den weltweiten Ruf des kleinen Tempels in einem Dorf im Nirgendwo zwischen Bangkok und Nakhon Pathom. Es ist der verwahrloste Tempelhof, den ich in Thailand gesehen habe. Müll liegt in jeder Ecke und Scharen von Tempelhunden streiten sich mit ebenso verwahrlosten Tauben um rare Schattenplätze.

SPINNENWEBEN, BÜFFELKNOCHEN UND EIN AUSGESTOPFTER TIGER
Während meine drei Begleiter bereits mehrmals hier waren, soll ich heute mein erstes Tattoo erhalten. Entsprechend langsam schlendern wir auf den Eingang zu, natürlich vor allem aus Respekt vor dem heiligen Ort. Wir stellen unsere Schuhe zu den anderen vor der Tür und betreten einen mit Devotionalien überhäuften Raum, dessen gegenüberliegende Wand von einer gläsernen Verkaufstheke bestimmt wird. Hinter ihr steht ein Mönch in orangefarbener Robe und raucht eine Zigarette. Er legt sie auch dann nicht aus der Hand, als er mit uns durch den Ordner mit Motiven blättert. Timo und Paul werden schnell fündig, sie wussten schon vorher ziemlich genau, welches Tattoo sie zur Ergänzung auf ihrem Rücken haben wollen. Sie erhalten einen Zettel, auf dem Motiv und eine Zahl notiert sind und dürfen nun ihre Spende in beliebiger Höhe über dieser Zahl vor den Altar legen. Ein ausgestopfter Tiger samt Tigerbabys blitzt sie dabei an, Mönchsbilder und überdimensionale Lingams bedecken jeden Quadratzentimeter des Altars. Wir gehen die Treppe hinauf in das Tattoozimmer. Zwei der mindestens fünf Tattoosessel sind heute besetzt, wir setzen uns zu den anderen Wartenden auf den Boden. Die Künstler hier oben sind eindeutig keine Mönche und die ruhige Stimmung des Raumes wird durch das Dudeln des Radios gestört. Im Inneren ist es ähnlich sauber wie auf dem Tempelvorplatz: Möbel, Utensilien, Kleider und Tücher sind schwarz vor Tinte und Dreck. Spinnenweben hängen von der Decke, diverse Tigerfelle in einer Ecke. Durch die dunklen Fenster erkenne ich in einem verschlossenen Nebenraum weitere Tiger, Büffelknochen und andere Tierreste, die Artenschützern Tränen in die Augen treiben dürften.

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50 CENT UND ZIGARETTEN FÜR DEN MEISTER
Timos Tattoomeister hat lange fettige Haare und raucht Kette, während er seine schwere, gut 40 Zentimeter lange Nadel ähnlich der Frequenz einer Nähmaschine auf Timos Schulterblätter niederstechen lässt. Vor und nach der Behandlung sprüht er die Haut kurz mit Desinfektionsmittel ein, um das fertige Tattoo danach mit einem tiefschwarzen Tuch abzuwischen. Das ebenso schwarze Wasser dazu kommt aus einem ehemals gelben Eimer, der zwischendurch auch als Aschenbecher für den Künstler diente. Jay und ich entschließen uns ohne Schwierigkeiten gegen den Tattooshop und für den „wahren Deal“: Ein Sak Yan von einem der Mönche soll es sein, die in kleinen Salas auf dem Gelände praktizieren. Wir kaufen an einem Stand Orchideen, Zigaretten und Räucherstäbchen für den Mönch, die Verkäuferin legt 25 Baht (50 Cent) vom Wechselgeld mit in die Schale – unser bescheidener Obolus für die Dienste des Geistlichen. Phra Paew sitzt auf seinem Podest auf einer offenen Veranda und nimmt unsere Gaben mit einer Segnung entgegen, bevor ein Helfer unter den rund 20 Wartenden sie zurück zum Verkaufsstand bringt. Die Atmosphäre ist ungleich spiritueller als im vorherigen Tätowierstudio und Phra Paew liegt offenbar zumindest ansatzweise an der geistigen Gesinnung seiner Gäste. Vor allem westliche Anwärter auf seine Tattoos lässt er vielleicht deshalb gerne erst einmal als sein Assistent fungieren.

ROUTINIERT DIE ZÄHNE ZUSAMMEN BEISSEN
So lerne ich ganz praktisch an seiner linken Seite, auf allen Vieren voran zu kriechen, welche Verbeugungen wann zu machen sind und wie die Zeremonie im Ganzen läuft. Unsere Aufgabe ist das Nachfüllen der Tinte für jeden neuen Rücken, und noch wichtiger, das Festhalten und Spannen der Haut des jeweiligen Probanden, während Phra Paew seine Nadel im monotonen Dreivierteltakt in die Haut sticht. Ein Tattoo ist in knapp zehn Minuten fertig und oft nur eine Ergänzung zu einem bestehenden Mandala. Durch meine Hände spüre ich jeden Einstich in das Gewebe als dumpfe Erschütterung und kann aus nächster Nähe die bisherigen Werke auf unzähligen Rücken studieren – außer mir ist heute niemand ohne Tattoos gekommen. Ein vielleicht 15-jähriger Junge in Begleitung seines Vaters bringt unterdessen sogar den Meister ins Staunen: Rücken und Arme sind mit Tätowierungen übersät und Phra Paew erkundigt sich nach ihrer Herkunft. Routiniert beißt der Junge die Zähne zusammen, als die Nadel die zarte Haut einritzt. Unser Mönch ruft den nächsten Anwärter zu sich. Es gibt keine ersichtliche Reihenfolge und jeder wird scheinbar willkürlich aufgerufen. Ein freundlich lächelnder Mann ist mit zwei Verwandten vorbei gekommen, um eine Segnung für ein bestehendes Tattoo entgegenzunehmen. Phra Paew legt auch ihm wie stets zuvor die Hand auf und spricht seine Verse. Doch plötzlich beginnt der Mann zu zittern, seine Augen verdrehen sich und er bläst seine Wangen auf. Er atmet schnell und hektisch, prustet dabei laut durch Mund und Nase. Niemand verzieht eine Miene. Er ballt die Faust und krümmt seinen Zeigefinger, bis der Mönch ihm das Ohr reibt und er sich Sekunden später erhebt, verbeugt und mit demselben Lächeln verschwindet. Ich werde an diesem Tag noch öfter Zeuge von Hufscharren, Tigergrollen und anderen animalischen Schauspielen, die offenbar nur mir unter die Haut gehen wie den anderen Phra Paews Nadel.

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EIN GECKO KURZ VOR SONNENUNTERGANG
So vergeht die Zeit und ich erinnere mich an den weiteren Grund, warum Timo diesmal lieber in das Studio als zum Mönch gegangen ist: Er hatte zuletzt sechs Stunden an der Seite des Mönches gesessen, bevor er kurz vor Sonnenuntergang einen kleinen Gecko gestochen bekam. Ich sitze mittlerweile zwei Stunden, als es Zeit ist für eine Pause. Unser Meister bestimmt einen Wartenden mit der Massage seiner Beine und Füße, die dieser sofort aufnimmt. Phra Peaw döst unterdessen in seiner Meditation, die Augen geschlossen und unbeweglich. Bis er nach 20 Minuten endlich sein Bein wieder einzieht – und dem Masseur seine zweite Wade entgegenstreckt. Wenn ich Mönch wäre und den ganzen Tag damit verbringen würde, anderen Leuten den Rücken zu tätowieren, würde ich es mir ebenso gut gehen lassen, versuche ich mich zu beruhigen, doch meine Zeit läuft ab. Ich muss los, Arbeit und Familie rufen und während Phra Paew noch seine Mittagsruhe hält, stehle ich mich davon. Enttäuscht und erleichtert zugleich schwöre ich mir, es an einem anderen Tag noch einmal zu versuchen. Früher am Morgen, an einem Wochentag und mit westlichen Zigaretten als Mitbringsel. Vielleicht hat Phra Paew dann ein Einsehen mit mir und lässt mich nicht wieder so lange schmoren. Ich könnte es dann zur Begrüßung auch mit einer täuschend echten Interpretation eines Wasserbüffels versuchen – gelernt habe ich es ja nun.

Text und Fotos: Alexander Heitkamp

info

TATTOO TEMPEL NAKHON CHAISI
 

WAT BANG PHRA
Der Tattoo-Tempel liegt in Nakhon Chaisi zwischen Bangkok und Nakhon Pathom. Vom Highway 4 führt eine Ausfahrt direkt in die Ortsmitte, dort an der T-Kreuzung links abbiegen und etwa 10 Kilometer der Landstraße 3233 folgen (abknickende Vorfahrt!), der Tempel ist ausgeschildert. 200 Meter nach der Shell-Tankstelle geht es rechts ab, Wat Bang Phra liegt rechterhand, direkt vor dem Tha Chine River.

WAI KRU FESTIVAL
Zu diesem alljährlichen Event im März kommen hunderte Tattoo-Träger um ihrem geistigen Lehrer Respekt zu zollen. Neben individuellen Anfällen gibt es dort regelmäßig auch eine Gruppentrance zu beobachten, in der die Schützlinge zum Medium ihrer Talisman-Figuren werden und als Tiger, Schlange oder Bestie Amok laufen. Ein unvergleichliches Spektakel, aber nichts für schwache Nerven.
Wir waren dort, einen Erfahrungsbericht und Fotos gibt es hier:
Tattoo Festival bei thaileben.de

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