SONGKRAN: Des Einen Freud’, des Anderen Leid



Mrz 2007 | Rubrik: Aktuell, Typisch Thai

Familien legen sich zusätzliche Wassertonnen zu, übergroße Wasserpistolen werden gesetzlich verboten und angesiedelte Ausländer verlassen in Scharen die Region: Es ist Mitte April und die größte Gaudi Thailands – das Land feiert fünf Tage lang das Wasserfest Songkran.

Songkran

Wasser und Asche am thailändischen Neujahrsfest Songkran.

Noch bis zum zweiten Weltkrieg begann jedes neue Jahr in Thailand nach buddhistischer Zeitrechnung: Mitte April. Heute gilt zwar noch immer das buddhistische Jahr, doch beginnt es am ersten Januar. Zählt man das chinesische Fest im Februar dazu, feiert der Thai also pro Jahr drei Mal Neujahr. Doch noch immer hat dabei das alte Songkran-Festival die weitaus größte Bedeutung – wegen seiner rituellen Verankerung, aber auch wegen der großen Wasserschlachten auf allen Straßen des Königreichs.

Bereits am ersten Tag des knapp einwöchigen Festes, der vornehmlich den religiösen Zeremonien gewidmet ist, werden an strategischen Punkten große Wassertonnen aufgebaut – trotz der jahreszeitlichen Wasserknappheit. Das Wasserfest zum Ende der Trockenzeit hat in vielen Ländern Asiens eine wichtige Bedeutung, von Sri Lanka bis Kambodscha, doch nirgendwo wird es so folgenschwer gefeiert wie in Thailand. Man schenkt sich neue Garderobe und bringt den Mönchen im Tempel Gaben. Oma und Opa wird ein Duftwasser über die Hände gegossen, manchmal auch mit etwas Puder vermischt, und Buddhastatuen sanft in Wasserbecken getaucht.

TRADITION UND MODERNE
Während die Alten die traditionelle Reinigung der Familiengruft vornehmen und die Asche der Verstorbenen mit Wasser besprenkeln, rüsten die Jungen ihre Pickups mit Wassertanks zu Patrouillenfahrzeugen um, von deren Ladefläche sie in den kommenden Tagen bei jeder Geschwindigkeit andere Fahrzeuge und Fußgänger mit Wassereimern und Aschebrei bewerfen. Da die meisten Thais für die Feierlichkeiten zur Familie in ihren Heimatregionen fahren, sind die Straßen schon am Wochenende vor den Feierlichkeiten verstopft. Die Opferzahlen werden auf ein Jahreshoch katapultiert und die Polizei ist außerdem beschäftigt, ihre Pistolen und Funkgeräte für sporadische Verkehrskontrollen wasserdicht zu verpacken.

Sanuk

Wasserwerfer von den vorbeifahrenden Pick-ups.

Staus, gepaart mit dem erhöhten Alkoholkonsum und Wasserschlachten im fließenden Verkehr machen die Straßen praktisch unbefahrbar. Thaipop und Techno aus übersteuerten Boxen rund um die Uhr und die Tatsache, dass Farang (westliche Ausländer) besonders beliebte Ziele für die Wasserschlacht sind, machen selbst den Besuch des Ladens an der Ecke zum Spießrutenlauf. Was ohne Frage ein großer Spaß für jeden schwitzenden Urlauber ist, kann auf Dauer ganz schnell seinen Reiz verlieren. Und so ist es vor Songkran gar nicht einfach, einen Flug aus Thailand zu ergattern, wenn nicht wenige Westler regelmäßig das Weite suchen.

GANZ ODER GARNICHT
Natürlich gilt das nicht für alle Zugewanderten – und schon gar nicht für Touristen. Wer sich auf das Treiben einlässt, wird von den Einheimischen bereitwillig integriert. Doch auch als Zuschauer soll es im Ausnahmefall möglich sein, unbeschadet durch die Massen zu kommen. Alexander (78), Deutsch-Amerikaner in Bangkok, schätzt die Rücksichtnahme der Thais: “Wenn ich an Songkran durch die Straßen gehe, werde ich wegen meines Alters stets höflich gefragt, bevor ich mit Wasser bespritzt werde”, beteuert er, “verneine ich, bleibe ich auch trocken!” Wir empfehlen dennoch, Wertsachen, Pass und Kameras zuhause zu lassen – es dauert auch ohne Einwilligung (bei durchschnittlichem Alter) erfahrungsgemäß nur wenige Minuten, bis sämtliche Klamotten vor Wasser triefen.

Das größte Songkran-Fest wird in Chiang Mai gefeiert, wo sich die Wasserschlachten dank des unerschöpflichen Nachschubs rund um den Stadtgraben ansiedeln. Die Paraden an den Stadttoren mit Buddha-Bildnissen, religiösem Gesang und traditionellen Kostümen durch die wassergetränkte Kulisse sind ein unvergleichlicher Anblick. Einen herrlichen Hintergrund für die buddhistischen Zeremonien zum Wasserfest gibt die Tempelstadt Ayutthaya. Am 13. April nach Sonnenaufgang werden Gaben an die Mönche verteilt, das Buddha-Baderitual ist anschließend in allen Tempeln zu beobachten, sowie alle anderen Zeremonien. An der Thai-Lao Freundschaftsbrücke in Nong Khai wird das Fest aus einer bunten Mischung aller Kulturen der Umgebung gefeiert, mit Bootsrennen und traditionellen Aufführungen. Wer etwas Lao-Kultur erleben möchte aber in Bangkok ist, fährt in den Nachbardistrikt Ratchaburi, wo eine laotische Minderheit die Festlichkeiten stark mitbestimmt. Wer dann noch nicht genug hat, kann am Folgewochenende das Phra Pradaeng Songkran Festival in Samut Prakarn besuchen. Stets etwas verspätet hat hier schon so mancher Enthusiast ein schnelles Songkran-Dejavú erlebt. Und doch hat das Festival in der Nähe Bangkoks dank seines späten Termins eine ausgesprochen kulturelle Note.

Tempel

Eigentlich ein religiöses Fest: Songkran im Tempel.

FEIERN WIE ZUHAUSE
In Pattaya werden Sandstupas gebaut und der Schönheitswettbewerb um Miss Songkran findet hier besondere Aufmerksamkeit neben allen anderen Attraktionen. Völlig verrückt geht es auf der Khao San Road in Bangkok zu, wo sich vor allem westliche Touristen und Wahl-Bangkoker heftige Wasserschlachten liefern. Der Meeresbiologe Jürgen ist schon ein paar Wochen vorher aufgeregt und reist eigens für Songkran aus dem Isaan nach Bangkok: “Wir bilden feindliche Teams und müssen den Gegner in der gesamten Gegend um die Khao San mit Wasserpistolen jagen”, berichtet er mit blitzenden Augen, “da kann es schon mal brenzlig werden, wenn der Weg zum geheimen Wasserlager abgeschnitten wird.”

Nicht überall ist Songkran eine solch paramilitärische Angelegenheit, und doch sind es immer wieder betrunkene Ausländer, die die Tradition weit über ihre Grenzen tragen. Auf den Inseln im Golf von Thailand ist es ohne Übertreibung halsbrecherisch, zu Songkran mit dem Miet-Moped unterwegs zu sein: Trinkbuden am Straßenrand haben “Checkpoints” errichtet, an denen grölende Urlauber ganze Eimerladungen Wasser mehr oder weniger gezielt auch in die Augen der Mopedfahrer schleudern. Aus Gründen der Verkehrssicherheit hat die Regierung vor ein paar Jahren zu Songkran den Verkauf großer Wasserpistolen mit Reservoir und Drucksystem verboten.

FEIERN WIE EIN GAST
Wer aber respektvoll feiert, nur zu Fuß unterwegs ist und in passender Kleidung auf die Straßen (oder besser: an den Strand) geht, wird eine unvergessliche Zeit verbringen und kann aus nächster Nähe erleben, was wirklich dran ist an der sprichwörtlichen Spaßverliebtheit der Thais. Auf ein besonderes Hallo trifft übrigens immer wieder das Mitbringen der eigenen Wasserpistole – außerdem macht es ungleich mehr Spaß, auch mal zu schießen statt immer nur selbst das Opfer zu geben. Wir wünschen Frohes Neues Jahr!

Text und Fotos: Alexander Heitkamp

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