SELBSTGENÜGSAMKEIT: Zurück in die Zukunft



Apr 2007 | Rubrik: Typisch Thai

Neue Genügsamkeit: Im „Human Development Report“ für 2007 fordert Thailands König Bhumipol die Rückkehr zur Selbstgenügsamkeit. Eine Besinnung auf alte Werte, ein nachhaltiger Lebensstil und die Abkehr von der neuen Konsumkultur sollen Thailand das Glück der Bescheidenheit bescheren.

Selbstgenügsamkeit

Gemüsehändler auf einem thailändischen Markt.

Wie jeden Tag sitzt der alte Mann auf einer einfachen Bambusmatte am Straßenrand, direkt vor dem glitzernden Schaufenster einer Luxusboutique. Vor sich Kräuter, Gewürze und Früchte, die er immer wieder liebevoll sortiert. Ganz gelassen wirkt er dabei, als ob ihm der ewige Straßenlärm, die stinkenden Abgase und die unbequeme Sitzgelegenheit gar nichts anhaben könnten. Ab und zu bleibt ein Fußgänger stehen und erwirbt für ein paar Baht das Eine oder Andere aus dem minimalistischen Angebot. Auf einen hohen Tagesumsatz kommt der Händler dabei nicht, doch irgendwie scheint ihm das gar nichts auszumachen.

LÄCHELN TROTZ HUNGERLOHN
Sein schon fast meditativer Anblick lässt einen innehalten in der Hektik des Alltags, lässt einen überlegen warum er so zufrieden wirkt. Ja, irgendwie glücklich. Wo man selbst doch nach ein paar Minuten auf einer solchen Matte totale Rückenschmerzen bekäme, man extremen Hustenreiz vom Einatmen der Dauerabgase hätte und man sich darüber hinaus bei dem ganzen Rumgesitze bestimmt fürchterlich langweilen würde – und das alles auch noch für einen Hungerlohn.

Doch ist der entspannte Gemüse-Verkäufer in Thailand kein seltener Anblick. Ganz im Gegenteil – fast überall kann man hier kleine Wunder der Selbstgenügsamkeit beobachten: Etwa der einfache Bauer, der am Stadtrand mit großer Hingabe sein Reisfeld pflügt oder die junge Köchin, die gelassen tagaus, tagein in einer winzigen Garküche aus einfachen Zutaten immer wieder dieselben drei Gerichte zubereitet. Als ob sie sich alle ihren eigenen Kosmos der Bescheidenheit erschaffen hätten.

LUXUS GEGEN TRADITION
Dabei lockt der Mega-Konsum in der asiatischen Metropole an jeder Straßenecke: Pompöse Luxusmalls, Märkte in Disneylandgröße und riesige Anzeigetafeln werben um die zahlreichen Kunden und verführen zum Super- Kaufrausch. Der gesellschaftliche Wandel ist deutlicher zu spüren denn je: Das neueste Handy, ein modernes Auto oder die schicke Gucci-Handtasche sind wichtige Statussymbole in der neuen Konsumkultur Thailands geworden. Das Verlangen der Unter- und Mittelschicht nach Luxusgütern löst eine Angst vor dem Verfall der traditionellen Werte aus.

Selbstgenügsamkeit

Angst vor dem Verfall der traditionellen Werte

Um diesem neuen Materialismus entgegenzuwirken, fordert der König von Thailand im neuen „Human Development Report“ für 2007 die Rückkehr zur Selbstgenügsamkeit. Kernstück dieses Berichts ist das Konzept einer „Sufficiency Economy“ mit dem sich Thailand gegen die Schocks einer exzessiven Globalisierung schützen und die wachsenden sozialen Lücken in der thailändischen Gesellschaft verringern will. Dabei werden die von König Bhumibol initiierten Projekte in den ländlichen Gebieten als Keimzellen einer selbstgenügsamen Wirtschaftsentwicklung propagiert, die sich am Glück der Bescheidenheit orientieren. Doch ginge es nicht um eine Abschottung vom Weltmarkt, sondern vor allem um das richtige Management der Globalisierung.

GRÖSSTER ENTWICKLUNGSHELFER
Der beliebteste Mann des ganzen Landes lebt diesen autarken Lebensstil selbst vor: Er ist nicht bloß König, sondern auch Thailands großer Entwicklungshelfer und hat sich seinen Respekt im Volk durch harte Arbeit verdient: Er schuf die so genannte „neue Theorie”, eine Anleitung für den nachhaltigen Gebrauch von Wasser, ließ Dämme und Wasserreservoire bauen und funktionierte seine Chitlada-Palastanlagen zu einer Forschungsanstalt um, wo Kühe grasen und Labortürme
in die Höhe ragen.

Doch bereitet die politische Situation seines Landes dem Monarch immer noch Kopfzerbrechen: Den umstrittenen, ehemaligen Regierungschef Thaksin Shinawatra ermahnte der König zuletzt, dass sich Thailand keine Sorgen zu machen brauchte, wenn der Premier und seine Minister Selbstgenügsamkeit üben würden. König Bhumibol betont, dass Entwicklung nicht in erster Linie etwas Materielles sein müsse, viel wichtiger sei es für das thailändische Volk wieder in Kontakt mit seiner Tradition und seiner Herkunft zu kommen – und diese Besinnung auf die eigenen Wurzeln müssten auch die Politiker vorleben.

Selbstgenügsamkeit

Besinnung auf die eigenen Wurzeln

GLÜCK IST SELBSTGENÜGSAMKEIT
Interims-Premierminister Surayud Chulanont hat jetzt mit einem „Schmuckstück“ um das Handgelenk ein Zeichen in die richtige Richtung gesetzt: Mit einem Lächeln präsentierte er gerade das neue und knallgelbe Plastik-Armband mit der Aufschrift: „Sufficiency Area“ (Zeitalter der Selbstgenügsamkeit), das nun auch der Normalbürger an jeder Straßenecke kaufen kann. Schon der Dalai Lama sagte: Jeder von uns habe das Potenzial, glücklich zu sein; wir müssten es nur freilegen. Das ist, sehr knapp gesprochen, die Lehre Buddhas. Aristoteles hat es mit den drei berühmten Worten auf den Punkt gebracht: „Glück ist Selbstgenügsamkeit“. Auch der griechische Philosoph Epikur hielt Selbstgenügsamkeit für ein großes Gut, da es so wichtig sei, sich auch an “wenigem erfreuen zu können, sollte das Viele mal fehlen”.

Er war überzeugt, dass diejenigen den Luxus am besten genießen könnten, die ihn am wenigsten nötig haben und eine einfache Suppen die gleiche Freude wie ein üppiges Mal bereiten könne. Thailands Bettelmönche sind die wahre Personifikation dieses einfachen Lebensstils – sollen sie die Selbstgenügsamkeit doch bis zur Vollendung praktizieren. Befreit vom Materialismus besitzen sie in der Regel nur eine Robe, eine Almosenschüssel, eine Tasche und einen Sonnenschirm mit Moskitonetz. Der Tagesablauf eines Mönchs besteht aus den immer gleichen vier Handlungen: Dem Almosensammeln, der Meditation, den Gebeten und dem Studium. Und dabei sollen sie pausenlos achtsam sein: die Atmung spüren und jede Bewegung wahrnehmen.

Selbstgenügsamkeit

Einfachheit, Komfort und Respekt für das gesellschaftliche Miteinander

DIE WAHREN WERTE ZÄHLEN
Auch das Prinzip des „Karma”, sprich gute Taten und Gedanken werden irgendwann im Leben belohnt und schlechte bestraft, sollen die Mönche praktizieren. Während der gute Buddhist fünf Regeln zu befolgen hat, sind es für den Mönch ganze 227. Dazu gehören unter anderem: Der Verzicht auf Eigentum, ein striktes Zölibat, der Grundsatz, dass weder Mensch noch Tier verletzt werden dürfen, und der Verzicht auf Tanz, Rauschmittel und Parfum – sprich die Abkehr von weltlichem Luxus und Konsum.

Der Schirmherr des internationalen Netzwerkes engagierter Buddhisten, Sulak Sivaraksa kritisiert: „Vielleicht würde eine wirklich entwickelte Stadt nicht von einer imposante Skyline dominiert, sondern von den Werten seiner Entwicklung: Einfachheit, Komfort und Respekt für das gesellschaftliche Miteinander“.

Text: Ute Bäuchl, Fotos: Jacqueline Maria Hitzler

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