PHETCHABURI: Das wahre Thailand erleben



Mrz 2007 | Rubrik: Reise Thailand, Typisch Thai

EIN BESUCH IM TRADITIONELLEN ALLTAG DER PROVINZ PHETCHABURI

Tausende von Urlaubern fahren jeden Tag in ihren Minivans und Reisebussen an Phetchaburi vorbei in den Süden. Dabei lohnt sich ein Abstecher besonders für alle, die das wahre Thailand kennen lernen möchten. Nur noch selten sieht man solch einen von Traditionen beeinflussten Alltag so nah an den Touristenpfaden des Landes wie in der beschaulichen und vielseitigen Provinzhauptstadt südwestlich von Bangkok.

Phetchaburi

Traditionelles Kuhrennen bei Phetchaburi Town.

Gedämpft liegt der Golf von Thailand in Sichtweite, aber die Geräusche um uns herum hallen gespenstisch an den großzügig verteilten Stämmen der Mangroven zurück. Plitsch! Pa-Plopp! Peng! So hallt es ununterbrochen von nah und fern aus dem feinen Schlick, der bei Ebbe sichtbar wird und stark an das friesische Watt erinnert. Die Geräusche werden von Schlammspringer-Fischen verursacht und kleinen Schlick-Krebsen, die beim Verlassen ihrer Höhlengänge ein Vakuum hinterlassen – ein unbeschreibliches Plopp-Konzert. Ohne den Steg, der mit Hilfe der UNESCO hier gebaut wurde, würden wir keine zwanzig Schritte in den knapp 200 Meter breiten Mangrovenwald hinein gelangen können, ohne bis zur Brust zu versinken. Die Nähe des Meeres lässt sich vor der Wand aus Bäumen nicht erahnen: Wir sind nur wenige hundert Meter von der Küste entfernt, doch Meeresrauschen hören wir keines.

DURCH DEN MANGROVENWALD
So wie hier, direkt hinter einer Schule in Bang Tabun, sah seit Jahrhunderten ein Großteil der Küste des Landes aus – bis vor einigen Jahrzehnten. In den 70er-Jahren stieg plötzlich der Bedarf an Holzkohle und man kam darauf, dass sich Mangrovenholz dank seiner nachhaltigen Glut besonders gut zu ihrer Herstellung eignet. Innerhalb kürzester Zeit waren weite Landstriche des relativ schmalen Mangrovenwaldes abgeholzt und verköhlert. So auch hier. Der Boden war der Erosion freigegeben und natürliche Brutstätten für Vögel, Fische und Garnelen wurden vernichtet. Bis der damalige Rektor der Schule den Küstenstreifen vor rund 15 Jahren pachtete und aus ihm einen begehbaren Mangrovenwald machte, einen Lehrpfad für unzählige Schüler der Region und aus Bangkok.

Auch der Kölner Thomas Krey kommt gerne hierher und erzählt uns fasziniert von den Eigenarten der Mangroven. Sie sind die einzigen Bäume, die im Salzwasser überleben können – wenngleich auf Kosten der Schönheit: „Das Salz wird in die Blätter transportiert und dort ausgeschieden, was dunkle Flecken und Löcher in das Laub brennt” zeigt er uns ein Blatt. Und tatsächlich: Abgesehen von den jungen Ablegern hat das Laubwerk unzählige kleine Löcher, durch die nun die Nachmittagssonne strahlt. Krey betreibt seit neun Jahren ein kleines Homestay-Gästehaus in den Palmenplantagen kurz hinter der Stadtgrenze Phetchaburis und kennt viele solche versteckten Attraktionen in der Umgebung. Jedes Jahr kommen rund 150 Gäste zur „Datofarm”, um ein authentisches Thailand zu erleben, das Gesicht des Landes hinter der Maske des Pauschaltourismus – und er gibt bereitwillig Auskünfte, die in keinem Reiseführer stehen.

Mangrovenwald

Mit Herbergsvater Thomas Krey im Mangrovenwald

DIE WICHTIGSTEN TEMPEL DER STADT
Neben Kreys Tipps zum Besuch einer Palmzuckerproduktion oder besonderen Orten im Regenwald sind auch seine Empfehlungen zu den Tempeln Phetchaburis sehr wertvoll, gibt es doch etliche von ihnen, die man unmöglich alle besuchen kann und muss. Mit seinen Hinweisen im Kopf fahren wir am nächsten Tag in den Ort und werden zunächst von der Sauberkeit und Gemütlichkeit des Städtchens verzaubert. Die kleinen Gassen sind von gepflegten, alten Holzhäusern gesäumt, die Ausfallstraßen sind gediegene Alleen und alle Attraktionen sind ohne Verkehrsstaus und Abgaswolken zu erreichen, die meisten zu Fuß.

Die Einwohner sind freundlich und hilfsbereit und so finden wir schon bald den etwas versteckten Wat Ko Kaeo. Er ist, wie viele Tempel hier, aus der Ayutthaya-Periode, auf seinem Gelände stehen außer den obligatorischen Holzhäusern auch eine Reihe dunkler, großer Pagoden. Das wahre Juwel dieses ausgestorben wirkenden Ortes ist im „Bot” versteckt, zu dem wir uns von einem einheimischen Besucher den Schlüssel besorgen lassen. In dem kleinen Raum, in leuchtendem Rot gehalten, sind wir allein mit einem großen, goldenen Buddha. An den Wänden die wahre Attraktion: etwa 350 Jahre alte Malereien, die auch europäische Händler in Ayutthaya zeigen, zu erkennen an ihren langen Nasen und typischen Hüten und Gewändern. Unsere Vorgänger sozusagen, Farang-Pioniere, die den alten Siamesen schon so vertraut waren, um mit ihnen sogar Tempelwände zu verzieren.

Als nächstes steht eine noch viel ältere Anlage (11. Jh.) auf dem Programm: Wat Kamphaeng Laeng mit einer handvoll Ruinen in der typischen Khmer-Pyramidenform. Umgeben von moderneren Tempelbauten stehen die Überreste dieser Hochkultur auf einem friedlichen, kleinen Klostergelände und sind ein bescheidener, aber schöner Ersatz für alle, die keinen Abstecher nach Angkor Wat geplant haben. Eine weitere Zeitreise ist der Besuch des Baan Pün Palastes auf einem für Besucher geöffnetem Militärgelände. Für König Rama V vor 100 Jahren im Jugendstil vom deutschen Architekten Karl Döhring gebaut, ist er dem Sommerpalast Kaiser Wilhelms nachempfunden und steht nun in einem Palmengarten – sehr exotisch anzusehen!

Wat Kamphaeng Laeng

Khmer Tempel Wat Kamphaeng Laeng

WER HAT DIE KOKOSNUSS GEKLAUT?
Wer mit Kindern reist, sollte schon allein aus Motivationsgründen die vom Vorbeifahren bekannteste Kultstätte Phetchaburis besuchen: Khao Wang, den kleinen Palast von Rama IV, auf einem Hügel am Ortseingang gelegen: Es ist einfach erstaunlich, wie lange unsere Bälger sich durch „langweilige Tempelanlagen” schleifen lassen, wenn man ihnen zur Aussicht stellt, anschließend eine wilde Affenhorde am Fuße des Hügels mit Bananen und Erdnüssen füttern zu gehen! Erfrischungen gibt es auf dem angeschlossenen Markt, wo wir den Affen zusehen, wie sie den Marktleuten Zuckerrohr und die weit über die Stadtgrenzen berühmten Süßigkeiten stibitzen. Für ein Mittagessen nach jedem Geschmack gehen wir ins Rabieng Guesthouse, direkt am Phetburi-Fluss in einem Holzhaus neueren Jahrgangs gelegen. Die Küche hier ist bekannt für seinen Mix aus westlicher und thailändischer Küche, die Atmosphäre freundlich. Wieder zurück auf der Datofarm laufen die Vorbereitungen auf einen besonderen Abend – besonders vor allem für die beiden Neuzugänge auf der Farm: Zwei anderthalbjährige Kühe, die gerade noch nichts ahnend in ihrem Stall das Heu vom Nachmittag wiederkäuen.

Krey hat sie vor einigen Wochen für je rund 200 Euro angeschafft, einen Betrag, den die Tiere um ein Vielfaches wieder einbringen sollen. „Eine risikoarme Investition”, erklärt er uns, denn: „die Futterkosten sind gleich Null und somit von Preisschwankungen auf dem Rindermarkt unabhängig”. Zudem freuen sich Gäste mit Kindern über den Streichelzoo. Doch vor allem die Betreuer der Kühe, seine beiden Söhne Nüng und Noi, beide Mitte Zwanzig, hoffen auf einen ganz anderen Profit: Sie gehen mit den Tieren regelmäßig zu Übungsrennen in der Umgebung, die seit etwa zwei Jahren eine alte Tradition der Region wieder aufleben lassen: die Kuhrennen von Ratchaburi, Phetchaburi und Pratchuap Khiri Khan.

EINE MILLION FÜR EINE KUH
Dabei werden 19 Rinder nebeneinander an einen Pfahl gebunden und anschließend im Kreis geführt, wobei die inneren Tiere gemächlich schreiten, während die Kühe ganz außen nach dem Schallplattenprinzip schon einen ordentlichen Galopp hinlegen müssen. Nur die beiden äußersten Tiere sind in einer Runde im Rennen und Gewinner ist, wer den Gegner um eine Körperlänge überholt. Zu den offiziellen Wettrennen in der Nachbarstadt Baan Laem kommen mindestens 1.000 Besucher um die besten Rinder gegeneinander antreten zu sehen und für die prächtigsten Sieger werden Beträge bis zu einer Million Baht bezahlt, das sind gut 20.000 Euro. Für diese Rennen sind die Rinder Somwang und Fatt aber noch zu jung und wir begleiten sie heute auf ihrem Training.

Kuhrennen

Erfrischung vor dem Rennen: Wasser aus der Bierflasche

Auf dem Sandplatz laufen schon die Vorbereitungen, als wir mit den Tieren dort ankommen. Noi und Nüng haben ihre Rinder nicht selbst dorthin geführt, sondern Jungs aus der Nachbarschaft haben das Leiten der Kühe übernommen. Eine Prestigefrage, denn wie einst das eigene Mofa, sind die Rennkühe hier jetzt Staus-Symbol. Während der Platz mit Wasser bespritzt wird, um die Staubentwicklung zu dämpfen, bereiten die beiden Teams in ihren gegenüberliegenden Lagern die jeweils rund 20 Kühe auf das Laufen vor. Als einer den Rindern aus der Bierflasche zu trinken gibt, stutzen wir, doch Nüng versichert uns schnell, es handle sich dabei nur um Wasser. Ein paar hundert Jugendliche haben sich zum Rennen versammelt, bei dem der Platzwirt auch Zeremonienmeister ist, der die Tiere nach ihren Fähigkeiten auswählt und arrangiert. Das Anleinen der Tiere nimmt viel Zeit in Anspruch, doch die Jugendlichen in ihren bunt gemischten Fußballtrikots sind voll bei der Sache. Alkohol wird keiner ausgeschenkt, das Rauschmittel der Wahl sind billige Selbstgedrehte; nur ein, zwei hastige Züge, bevor weitergegeben wird.

Kuhrennen

Kuhrennen: Im Kreis um den Mittelpfosten

Ohne Vorwarnung geht es plötzlich los, sobald auch die letzte Kuh endlich angebunden ist. Das Zerren, Bimmeln und Muhen hat ein Ende und die Halter suchen das Weite vor den trampelnden Hufen. Die ersten Runden sind kurz, die Tiere kommen ins Straucheln, sofort wird abgebrochen. Beim dritten Anlauf sind endlich alle warm, und so geht es weiter, ein paar Stunden, Runde um Runde: Anbinden, Laufen, neue Tiere auswählen. Die Sonne ist längst untergegangen, die Neonbeleuchtung verbreitet Kirmesstimmung und in einer Ecke werden heimlich Wetten abgeschlossen. Noi freut sich heute Abend besonders: Seine Kuh durfte außen laufen und die anwesenden Agenten haben das gute Abschneiden Fatts notiert. Schon zwei Wochen später wird ihm einer 800 Euro für Fatt bieten. Doch Noi bleibt hart: Er weiß, dass dies erst der Anfang ist.

Text und Fotos: Alexander Heitkamp

info
PHETCHABURI
 

ANREISE
Mit dem Auto über Highway 4, mit dem Bus vom Bangkok Southern Terminal, mit dem Zug (Bangkok-Southern Thailand Route) von Hua Lamphong Hauptbahnhof

Datofarm
Thomas Krey
Kostenlose Abholung nach Vereinbarung!
Phetchaburi, Tel: 087-1164504
www.datofarm.com

Rabieng Rim Nam
Guesthouse und Restaurant
Chisra-in Road, Tel.: 032-425707

Khao Wang Hügel
Affenhorde und Süßigkeitenmarkt
Ortseinfahrt am Highway 4

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