JATUKHAM AMULETTE: Glücksbringer-Trend überrollt Thailand



Apr 2007 | Rubrik: Aktuell, Typisch Thai

Sie sind so beliebt, dass neulich bei einer Verkaufsshow eine Frau zu Tode getrampelt wurde, die Regierung erwägt, Steuern auf die Devotionalien einzuführen und immer mehr Tempel in Amulett-Shops umgewandelt werden: Die Jatukham-Glücksbringer sind Thailands Strohhalm in turbulenten Zeiten.

Verkaufsstand

Jatukham-Shop in einem Tempel in Thailand.

Buddhistische Tempel gibt es in Thailand wie Sand am Meer und wer sich auch neben den einschlägigen Touristenpfaden durch das Land bewegt, findet allenthalben eine kleine Tempelanlage – und sei es in der nächsten Nebenstraße. Meist wirken sie fast ausgestorben, ganz als würde man eine Dorfkirche im Hunsrück an einem Dienstagvormittag besuchen.

Manchmal trifft man ein paar Gläubige an und oft braucht man etwas Glück, einen Mönch zu finden, der dem Besucher mit seinem Schlüssel Zutritt verschafft zum Bot, dem Heiligtum des Tempels. Doch seit das Geschäft mit Jatukham Rammathep blüht, herrscht an jedem dritten Tempel reges Treiben. Statt vor einer goldenen Buddhastatue versammeln sich die Menschenmassen nun ein paar Meter weiter an den gläsernen Verkaufsständen, hinter denen Mönche und Tempelfrauen für ein paar Baht seit jeher Glücksbringer, Räucherstäbchen und religiöse Schriften anbieten. In Thailand ist das Talisman-Fieber ausgebrochen und sorgt für Aufregung in allen Lebensbereichen.

ZEICHEN FÜR UNSICHERHEIT
Ihren traurigen Höhepunkt erreichte die Manie bei einer Verkaufsveranstaltung im April in einer Schule im Süden Thailands: Beim Andrang auf Gutscheine für die begehrten Anhänger wurde eine 51-jährige Frau niedergetrampelt und starb, es gab viele Verletzte. Die Menschenmassen demolierten das Gebäude und die Polizei war machtlos. Seit dem Boom Mitte 2006 beschäftigen die Amulette alle Bereiche des öffentlichen Lebens und jeder scheint seinen Profit aus dem Andrang machen zu wollen: Politik, Wirtschaft, Polizei, Militär und sogar ihre Macher, die buddhistischen Glaubensführer. Nach Militärputsch, Terrorkrieg und Tsunami suchen die Menschen nach Stabilität und Schutz. Der Aberglaube um die Amulette spiegelt die Unsicherheit im Lande wieder – und zeige den fehlenden Glauben an den wahren Buddhismus, so ein Kommentator in der Tageszeitung „The Nation”.

Zeitschrift

MAilorder-Raritäten in einem Jatukham-Magazin.

Doch was ist so besonders an den Amuletten? Schließlich gab es schon immer Buddha- Ketten und auch in anderen Kulturkreisen sind Anhänger mit Jesuskreuz, Marienbild oder Elefantengott nichts Ungewöhnliches. Die runden Medaillons mit einem Durchmesser von drei bis fünf Zentimetern sind laut einer Legende nach zwei Brüdern benannt, Jatukham und Rammathep, Prinzen im Krung Srivijaya Königreich (757-1257). Während ihr Vater sein Machtgebiet bis nach Indien ausweitete, gründeten die Prinzen eine neue Hauptstadt an der Stelle des heutigen Nakhon Si Thammarat – dem Entstehungsort der ersten Jatukham- Amulette. Nach ihrem Tod erhielten sie den Status von Schutzengeln, der zweifellos die besondere Attraktivität für die Anhänger ausmacht.

Es gibt verschiedene Zuordnungen der Namen für Könige und Prinzen, doch alle
Legenden haben eine gemeinsame Überzeugung: Der wahre Namensanwärter ist nach vielen Reinkarnationen ein zukünftiger Buddha, so die Erklärung im Mahayana-Buddhismus. Das plötzliche Ansteigen der Nachfrage nach den Glücksbringern fällt zusammen mit dem Tod ihres Erschaffers im Juli letzten Jahres im Alter von 108 Jahren, einem hohen Polizeioffizier, der als Meister der Weißen Magie und für seine Rechtschaffenheit bekannt war.

NUR ECHT NACH ZEREMONIELLER WEIHE
Ein richtiges Jatukham-Amulett ist aus Metall oder Stein gefertigt und bedarf der zeremoniellen Segnung durch den wichtigsten Tempel Nakhon Si Thammarats, dem Phra Mahathat Woramahawiharn, oder Phra Nakhon (Holy Pillar Temple). Seine Herstellung muss vom Tempelkommittee genehmigt werden, das zur Produktion geweihte Asche und Staub heiliger Ziegelsteine zur Verfügung stellt. Das erste Jatukham Rammathep mit einem Durchmesser von fünf Zentimetern kostete 1987 nur 39 Baht, rund einen Euro, und wurde zuletzt mit einer halben Million gehandelt. Heutige Ausgaben kosten zwischen 200 für die einfache und 1.000 Baht für die limitierte Version. Auf dem Schwarzmarkt wird in der Regel ein Vielfaches des Preises gezahlt, das teuerste Amulett soll 1,2 Millionen Baht eingebracht haben. Einem Gerücht zufolge soll ein Amerikaner für insgesamt über drei Millionen Baht Amulette gekauft haben.

Taxifahrer

Motorradtaxifahrer mit großem Jatukham-Amulett.

Das mögen Legenden der Geschäftemacher sein, die von einem Boom profitieren, aber den wahren Geldsegen bringen die zahlreichen Touristen, die sich nun auf den Weg in die Provinzhauptstadt in Thailands Süden machen. Hotels und Flüge sind regelmäßig ausgebucht und die Verkehrspolizei ist angesichts kilometerlanger Staus überfordert. Schätzungsweise zwei Millionen Euro bringen die Amulette und ihre Verehrer nach Nakhon Si Thammarat. Im Tempel sind bis Ende des Jahres alle Segnungstermine belegt, Amuletthersteller stehen dort Schlange. Zu den bisher 400 erhältlichen Modellen sollen sich so bis Dezember weitere 250 Versionen gesellen.

WAHN MIT WEITREICHENDEN FOLGEN
Die Sicherheitskräfte im terrorerschütterten Grenzgebiet zu Malaysia kündigten trotzdem an, weitere Amulette als moralische Unterstützung für die dort angesiedelte buddhistische Minderheit zu produzieren. Eine umstrittene Maßnahme, da die Verehrung ein heidnischer und kaum ein buddhistischer Akt ist und obwohl das so gewonnene Geld für „friedensschaffende Maßnahmen” eingesetzt werden soll, ist noch völlig offen, wie diese überhaupt aussehen sollen.

Weitere Probleme sind – wie überall – die unzähligen „wirkungslosen” Imitate, sowie die steigende Anzahl von Diebstählen der Medaillen aus Tempelanlagen und Geschäften. Dem Finanzministerium sind die hohen Gewinne suspekt und es prüft derzeit, ob und wie man eine Besteuerung der Händler vornehmen kann. Obwohl die Tempel noch am wenigsten an den Amuletten verdienen, ist es unwahrscheinlich, dass jemals ein Steuersystem durchsetzbar sein wird – zumindest theoretisch handelt es sich bei den Zahlungen ja um Almosen.

Gegner und Skeptiker des Ausverkaufs im Namen des Buddhismus können dennoch neue Hoffnung schöpfen: Ende April hat der Abtvorsteher des Phra Mahathat Tempel eine weitere Ausgabe der benötigten Materialen ausgeschlossen. Es bleibt abzuwarten, was das für die bereits angekündigte Jahresproduktion bedeuten mag; doch ist es ein Zeichen, das andere „Tempel-Shops“ im Lande zur Besinnung bringen könnte. Einen erneuten Ansturm auf die dann noch wertvolleren, bereits ausgegebenen Exemplare freilich wird das nicht mehr verhindern können.

Text und Fotos: Alexander Heitkamp

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