ENTBINDUNG: Born in Bangkok



Jan 2007 | Rubrik: Kinder in Bangkok

Text: Ute Bäuchl, Fotos: Alexander Heitkamp

Es gurgelt und rauscht im Wasserhahn. Kein Tröpfchen lässt sich ihm trotz heftigen Rüttelns und guter Zurede entlocken – mal wieder. Denn es ist Trockenzeit in Thailand. Wasser ist knapp. Und wir, die frischgebackenen Eltern, schwitzen wie nach einem Aufguss in der finnischen Sauna. Auch das neugeborene Baby Luka hat dringend eine Ganzkörper-Grundreinigung nötig: Also schnell mit unserem wackligen Fahrrad zum nächsten Kiosk strampeln, einen Wasserkanister kaufen, gleich ab damit in die Babywanne und am besten gleich zu dritt reinquetschen.

Geburt in Bangkok

Geschafft: Die Suche nach dem besten Kreißsaal der Stadt ist beendet!

Erst vor drei Tagen sind wir mit unserem neugeborenen Sohn aus dem Krankenhaus in unser Einfamilienhaus am ausgetrockneten Stadtrand von Bangkok zurückgekehrt. Dort stellen wir uns nun den tropischen Herausforderungen, die der spannende Alltag mit Baby in Thailand zu Genüge bietet: Etwa der Einsicht, dass man ohne Klimaanlage doch nicht leben kann (die haben wir gleich am ersten Tag der Heimkehr installiert). Und dass man am besten die Haustür verriegeln sollte, um den nicht enden wollenden Strom unserer aufgeregten Nachbarn, die das „weiße und so riesige Baby” besichtigen wollen, Einhalt zu gebieten – ohne zu vergessen, eine Kiste mit der Aufschrift „Geschenke fürs Baby“ vor die Tür zu stellen.

Aber auch, dass die schlaflosen Nächte traumhaft toll zum Abkühlen und Sterne gucken auf der Dachterrasse sind. Gestaunt haben wir auch über die Skrupellosigkeit der gewitzten Mücken, die sich sogar unter dem Moskitonetz des Kinderbetts auf die Lauer gelegt haben. Wahrhaft wie junge Löweneltern kämpften wir in den ersten Wochen für das Wohlergehen unseres Lieblings Luka. Dabei glaubte ich, eine Schwangerschaft in der schwülen Hitze der Tropen und die Suche nach dem geeigneten Krankenhaus im Großstadtdschungel seien schon die größte Aufgabe gewesen. Von wegen!

FRUCHTBARE TROPEN
Als ich gerade mal drei Monate zuvor Deutschland den Rücken gekehrt hatte und mich in den neuen Gefilden der Hauptstadt noch zurechtfinden musste, wurde ich schwanger. Das tropische Klima schien offensichtlich einen guten Einfluss auf meine Fruchtbarkeit zu haben. Nachdem ich die „gute Nachricht“ mit klopfendem Herzen meinem neuen Chef (in der Probezeit!) beibrachte, stand ich vor der globalen Entscheidung: Bleiben oder zurückgehen?

Ich blieb. Und begab mich auf eine neunmonatige Odyssee durch vier Krankenhäuser, zahlreiche Internetseiten und informative Geburtsratgeber. Denn existentielle Fragen beschäftigten mich: Wo finde ich das beste Krankenhaus? Gibt es hier englischsprachige Ärzte? Wie viel kostet die Geburt? Und wie hoch liegt hier eigentlich die Kaiserschnittrate?

Sirirat Hospital

Wie aus dem Vietnam-Film: Wartehalle im Sirirat Krankenhaus

HÄUSER MIT HAKEN
Meine erste Station, das „Chao Phaya” Krankenhaus war kein schlechter Start auf meiner Krankenhaus-Tour: Moderne Ausstattung, englischsprachige Thaiärzte und – zu unserem Erstaunen – Festpreise für die Geburt: Der Kaiserschnitt kostet 35.000 Baht (700 Euro) und die natürliche Geburt ist schon zum Schnäppchenpreis von 23.000 Baht (460 Euro) zu haben. Das Paket will ich, doch ein Haken: der Trend zum Kaiserschnitt ist hier bei Ärzten wie werdenden Müttern groß. Da das Datum planbar ist (Aberglaube), die Geburt so kontrollierbar wie modern erscheint und der eigene Körper nicht der Achterbahnfahrt einer normalen Entbindung ausgesetzt wird.

Das natürliche Geburtserlebnis bleibt hier nur jenen, die sich den Luxus der OP nicht leisten können. Im „Chao Phaya Hospital” liegt die Kaiserschnittrate bei zwanzig Prozent. Noch ein Minus: Männer haben dort bei der Geburt nichts zu suchen. Also auf zum nächsten Hospital, dem Siriraj-Universitätskrankenhaus. Was gut genug für den thailändischen König ist, muss ja auch unseren Ansprüchen genügen. Doch der beliebteste Mann im ganzen Land muss bestimmt nicht für jede Untersuchung zwei Stunden im überhitzten Wartezimmer sitzen. Auch wird er keine Verständigungsprobleme mit den Göttern in weiß und den eifrig herumschwirrenden Krankenschwestern haben. Lost in Translation. Ich fühle mich dort wie in einem Vietnam-Kriegsstreifen: Unter den surrenden Deckenventilatoren sitzen, liegen oder schlafen unzählige Schwangere auf primitiven Holzbänken. Ich werde als einzige ausländische Schwangere so neugierig beäugt, als ob ich einen Kürbis auf meinem Kopf balanciere.

Zur Untersuchung quetschen sich Ärzte mit den dicken Bäuchen der werdenden Mütter in eine der zweiundzwanzig Miniboxen, die wie Hundezwinger nebeneinander gereiht sind. Dass hier die werdenden Väter nicht willkommen sind, versteht sich von selbst. Die Geburt läuft wie am Fließband im großen Gemeinschafts-Entbindungssaal ab und ist ab sechstausend Baht (120 Euro) zu haben. Nein, danke! Also weiter auf unserem pseudoethnologischen Trip.

BEZAHLBARER LUXUS
Inzwischen bin ich reif für Luxus pur. Den finde ich im “Bumrungrad-Hospital” im Zentrum der Stadt. Das 26 Jahre alte Krankenhaus ist das extravaganteste in Bangkok und steht auf der Beliebtheitsskala bei Expatriats ganz oben. Schon die pompöse, marmorne Empfangshalle des riesigen Gebäudes erinnert an ein 5-Sterne Hotel. Es gibt tolle Ärzte aus der ganzen Welt, die modernsten technischen Anlagen und sogar einen „McDonalds” und ein „Starbucks”-Café im ersten Stock. Und bezahlbar ist das „Verwöhnprogramm” auch: 35.000 Baht (700 Euro) kostet die natürliche Geburt und der Kaiserschnitt nur 10.000 Baht (200 Euro) mehr. Nach meinem ersten Untersuchungstermin bei einem charmanten, indischen Arzt bin ich Feuer und Flamme. Kann man das noch toppen?

Samitivej Krankenhaus

Das Samitivej Krankenhaus hält sich an WHO Empfehlungen und fördert das Stillen.

… ODER EINE SCHICKE WASSERGEBURT?
Ja, mit einer exklusiven Wassergeburt im Samitivej Hospital! Von den “natürlichen Angeboten” mit Aromatherapie und Entspannungsmusik des zweitbesten Hotels (ich meine natürlich Krankenhaus) der Stadt hat mir meine schwangere Freundin Nicole erzählt. Auch sie ist auf der Suche nach dem idealen Ort für ihre bevorstehende Geburt. Das Samitivej kann ich mir nicht entgehen lassen. Extrem schick und ein Hauch europäisch: Der Prachteingang mit Portiers, der kostenlose Tee, und ein Live-Ensemble spielt im Foyer klassische Musik. Sehr stilvoll. Hier könnte man auch mal einfach so einen netten Nachmittag verbringen. Das gefällt mir.

Doch als ich die wunderschönen gelb-rosa gehaltenen Geburtsräume mit gemütlichen Wassergeburtsbecken und einladenden Matratzen zu Gesicht bekomme, bin ich völlig überwältigt. Hier muss doch jede Geburt wie ein kleiner Urlaub anmuten! Die Kosten liegen im Rahmen: Rund 30.000 Baht (600 Euro) für das natürliche Geburtserlebnis und der Kaiserschnitt für 50.000 Baht (1.000 Euro). „Aber da mit will ich ja sowieso nichts zu tun haben“, denke ich und male mir eine harmonische Niederkunft im riesigen Wasserbecken aus: Im Hintergrund tönt sanfte Musik, mein Lieber steht mir erwartungsvoll lächelnd zur Seite und die Aromalampe verbreitet wohlige Düfte. Alles ganz natürlich und entspannt!

ERFAHREN UND MODERN
Der Sohn meiner deutschen Freundin, Nicole, erblickt übrigens zwischenzeitlich im „Bangkok Nursing Home” (BNH) das Licht der Welt. Sie hat sich schließlich für dieses kleine aber moderne Krankenhaus entschieden, weil es bei ihr um die Ecke liegt. Mit seinen 126 Jahren Erfahrung ist es eines der Ältesten der Stadt. Niklas’ natürliche Geburt verläuft völlig unproblematisch und die junge Mutter schwärmt von der fürsorglichen Rundumbetreuung: „Ich fühle mich hier sehr gut aufgehoben”. Wenige Wochen später ist es dann endlich auch bei mir soweit: Die Wehen jagen in schmerzenden Wellen durch meinen Bauch, doch ich bleibe wohlgemut – das Wasserbecken fest vor Augen. Also ab ins Taxi und auf in den „Urlaub”. Wir kommen! Beim Einchecken treffe ich noch ganz optimistisch die wichtigsten Entscheidungen: Ziehe den gelben Entbindungsraum mit den schönen Orchideenbildern an der Wand dem rosafarbenen vor und wähle meine Wunsch-Musik.

Kaiserschnitt

Warten auf den Kaiserschnitt.

ÜBERRASCHUNG UND HAPPY END
Doch dann kommt alles anders: Plötzlich werden die Herztöne von Luka gefährlich niedrig und die versteckte Tür zum Operationssaal öffnet sich. Hilfe, ich will lieber hier bleiben. Die Ärzte sprechen mir Mut zu. Dann werde ich auf dem stählernen Tisch festgezurrt. Betäubt von der Periduralspritze sehne ich mich nach dem nun weit entfernten Wasserbecken. Doch Lukas erster Schrei macht alles wieder wett. Die Ärzte und Schwestern stimmen ein süßes „Happy Birthday” an, das mich zu Tränen rührt. So hatte ich mir das vorgestellt: Mutter, Vater und Kind glücklich vereint. In den anschließenden drei Tagen im privaten Luxuszimmer des Krankenhauses, erhole ich mich von den unerwarteten Strapazen der Geburt. Ein lächelndes Baby und ein glücklicher Papa helfen mir dabei.

Artikel erschienen im THAIZEIT Magazin

info

ADRESSEN
  Childbirth and Breastfeeding Foundation of Thailand
Kontakt: Mel Habanananda
Telefon: 319 9530
Email: meltanit@asiaaccess.net.th
Bangkok Christian Hospital
Silom Road
Telefon: 233 6981 9
Bangkok General Hospital
2 Soi, Soonvijai 7, New Petchburi Rd., Huaykwang
Telefon: 310-3000

Bangkok Nursing Home
9 Convent Road
Telefon: 632 0560-74
www.bangkoknursinghome.com
Bumrungrad Hospital
33 Sukhumvit Soi 3
Telefon: 253-0250-69
www.bumrungrad.com
Samitivej Hospital
133 Sukhumvit Soi 49
Telefon: 392-0010-9
www.samitivey.co.th
Sirirat Hospital
2 Prannok Road, Bangkok Noi
www.si.mahidol.ac.t

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