KOLUMNE: Besuch aus der alten Heimat



Jan 2007 | Rubrik: Ratgeber Thailand

Neulich war es mal wieder soweit. Per E-Mail kam die Überraschungsmeldung von Nicole und Bernd aus der Schweiz: „Kommen für drei Tage irgendwann Mitte Dezember. Einzelheiten später“. Oder die SMS von alten Bekannten, die mich vor einem Monat erreichte: „Wir sind gerade in Bangkok, kennst du ein billiges Hotel?” Und Globetrotter Beate und Nick machten sich gar nicht erst die Mühe, sondern klopften eines Morgens einfach grinsend an die Tür.

Willkommen

Ausgewandert heißt noch lange nicht aus der Welt.

Seit mein Freund und ich vor drei Jahren ins Urlaubsparadies Thailand ausgewandert sind, sind wir plötzlich Hotelmanager, Reiseleiter und persönlicher Fremdenführer im „Nebenberuf”. Vor allem wenn es in der alten Heimat kühl wird, kommen die Anfragen fast wöchentlich und die Gäste geben sich die Klinke in die Hand. Das ist ja auch toll. Wir freuen uns über bekannte Gesichter, zerknautschte Milka-Schokolade und durchgequatschte Nächte – denn viel zu erzählen gibt es immer, wenn man sich lange nicht gesehen hat. Doch entgegen so manch romantischer Vorstellung leben wir eben nicht am Strand von Kokosmilch, sondern jonglieren täglich mit Arbeit, Haushalt und Baby. Da bleibt für spontane Ausflüge oder faule Abende daheim leider wenig Zeit. Dabei möchte man es doch schön gemütlich haben, wenn die Gäste auf der Matte stehen. Sie kennen das: M al eben das gröbste Chaos in allen Zimmern beseitigen, schnell den Kühlschrank mit Köstlichkeiten auffüllen und die einsamen Vasen würden sich auch über ein paar frische Blumen freuen. Es soll ja schließlich nett werden!

DAS CHAOS BEGINNT
Die Vorfreude ist groß, doch wenn der Gast sich erstmal eingenistet hat, ist von Ordnung sowieso keine Rede mehr: Ganze Kofferinhalte verteilen sich auf dem Wohnzimmerboden, Mitbringsel lagern auf allen Tischen und riesige, aufgefaltete Stadtpläne verhüllen die lila Orchideen. Eine gewisse Frustrationstoleranz ist schon nötig, wenn der Gast wie ein Wirbelwind durchs Leben fegt. Nicole und Bernd etwa standen dann wirklich einfach Mitte Dezember ausgehungert und mit Taschen voll dreckiger Wäsche vor der Tür. Ich: Gerade von der Arbeit gekommen, meine einjährige Tochter an der Hand, hatte eigentlich andere Pläne für den Abend. Doch ganz flexibel zauberte ich mal eben eine leckere Gemüsesuppe und schmiss für sie die Waschmaschine an. Das Gästebett ist sowieso immer frisch bezogen – Vorbereitung ist alles. Dann folgten drei Tage schlechte Laune: Zu viele Moskitos, zu wenig Sonne und tägliche Zankereien mit Freund Bernd. Ojemine! Manche Paare sind schon daheim kaum zu ertragen und befinden sich im Urlaub in der Dauerkrise. Keine leichte Kost.

„Jeder Gast hinterlässt Spuren“ steht da in unserem Gästebuch: Etwa Oma Lindas rosa Rosen, die sie überall im Garten gepflanzt hat und die – wenn ich nicht vergesse sie zu gießen – regelmäßig in ihrem Andenken erstrahlen. Oder die wunderschönen Vorhänge, die Tante Katharina im Wohnzimmer aufgehängt hat. Manche Spuren bekommt man auch gar nicht mehr weg – etwa Nichte Paulas unübersehbare Fußspuren auf dem Vorleger im Bad oder den feinen Sandstrand, den Nicole im ganzen Haus anlegte: „Ihr habt doch eine Putzfrau, oder?“ Wunderbar!

Mein Arbeitskollege Peter (seit zehn Jahren im Land), war noch schlauer und hat im Dschungel Petchaburis gleich sein eigenes Gästehaus eröffnet. So schlägt er zwei Fliegen mit einer Klappe: „Ich verbringe Zeit mit Freunden, Bekannten und interessanten Leuten aus Deutschland und verdiene auch noch Geld dabei“. Länger als drei Tage bleibt der Besuch in der Regel nicht, schließlich zahlt er ja pro Übernachtung. Beneidenswert!

ES GEHT AUCH ANDERS
Gäste kann man nun mal nicht erziehen, aber manchmal ist das glücklicherweise auch gar nicht nötig: Freund Timo aus Frankfurt etwa fliegt ein bis zwei Mal im Jahr nach Bangkok, ruft an, ob man sich auf ein Bier treffen könne und stellt dann beim harmonischen Wiedersehen drei Flaschen heißgeliebtes Malzbier auf den Tisch (und wir alle wissen wie riskant der Transport von Flaschen im Flieger ist). Danke, geht doch! Unser erster Besuch, Freund Fabian aus Köln, passt in dieselbe Kategorie des vorbildlichen Gastes: flexibel, anpassungsfähig, mit allem zufrieden und die Taschen voller deutscher Leckereien. Und: wenn wir zu unserem alljährlichen Heimaturlaub antreten, hat er immer ein Zimmer für uns frei. Ganz ohne Sandstrand.

Oder der lang angekündigte Besuch meiner Mutter samt Freund. Noch nie zuvor im Flieger gesessen, geschweige denn Asien-erfahren. Wie sie wohl auf das scharfe Essen, die feuchte Hitze, das Verkehrschaos und nächtens bellende Hunde reagieren? Etwas mulmig war uns schon. Bereits Monate vor ihrer Abreise wurden minutiöse Reisepläne geschmiedet, letzte Impfungen eingeholt und sogar ein paar Worte Thai gelernt. Mitte August war es dann soweit: Wir lieferten das volle Gästeprogramm mit Flughafentransfer, perfekt organisierten Ausflügen und Blumendeko – diesmal sogar im Badezimmer.
Die Mühe hat sich gelohnt. Kein Jammern, kein Gemurre, auch wenn es wie in Thailand üblich, einmal nicht ganz nach Plan lief: Begeistert von Land und Leuten wollen sie in zwei Jahren wiederkommen. Gerne doch! Applaus für uns alle. Und wer hätte gedacht, dass ein Rentnerpaar pflegeleichter ist als die hippen, ultralockeren Kosmopoliten meiner Generation…?

Rose Garden

Die Gäste geben sich die Klinke in die Hand.

ÜBERLEBENSSTRATEGIEN
Um Besuche in Zukunft ähnlich harmonisch zu gestalten, halten mein Freund und ich uns nur noch an folgende Strategien. Nummer eins: Nach spätestens drei Tagen wird der Gast mit Stadtplan in der Hand vor die Tür verfrachtet. Das haben wir von Maren gelernt, die tagelang auf unserer Dachterrasse in der Sonne schmorte. Bis sie endlich zu ihrem ersten Abenteuer aufbrach, dem Kioskbesuch um die Ecke und das Leben vor der Tür doch ganz spannend fand.

Ähnlich erging es uns mit der scheuen Christine, der wir erst verschiedene Märkte und Shopping Malls (sehr) nahe legen mussten und die sich am Ende gar nicht satt kaufen konnte. Regel Nummer zwei: Der Besuch richtet sich nach uns und nicht umgekehrt. Und vielleicht am wichtigsten: Wenn Zeit und Budget es erlauben, den Besuch ins Auto packen, den nächsten Strand anpeilen und gemeinsam Urlaub genießen. Das macht allen Spaß! Ach, und eine Notfallstrategie haben wir auch entwickelt: Wenn gar nichts mehr geht, kommt einfach das Schild an die Tür: „Sorry, wir sind auf unbestimmte Zeit verreist!”

Text: Ute Bäuchl, Fotos: Alexander Heitkamp

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